Orale Erkrankungen: Wie kann Prävention und Therapie gelingen?

Auch in diesem Jahr treffen sich alle Prophylaxe-Begeisterten wieder in Herne, wenn die Haranni Academie am 9./10. September 2022 ihr nunmehr 7. Präventions-Forum veranstaltet. Mit von der Partie werden Prof. Dr. Falk Schwendicke (Berlin) und Prof. Dr. Christian Graetz (Kiel) als Referenten sein, die bereits vorab in ihren Interviews ihre Thmen und die damit eingehenden Herausforderungen erläutern.

Herr Professor Graetz, Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Thema oraler Biofilm. Wie lässt sich Ihr Faible dafür erklären?

Prof. Dr. Christian Graetz: Ich sehe da gewisse Überschneidungen meiner beruflichen und privaten Aufgaben, wie dem Reinigen eines Spülbeckenabflusses.Ich frage mich jedes Mal, wie sich Biofilmeauf so glatten Oberflächen entgegen der Fließrichtug des Abwassers oder eben intraoral der Sulkusflüssigkeit etablieren können. Zu Hause prbiert man ja auch einiges aus und stellt fest, dass nichts auf Dauer wirklich hilft. Irgendwann kommt es zum Unvermeidbaren, zumindest wenn man nicht regelmäßig mechanisch dagegen ankämpft. Wenn man sich etwas intensiver in diesen Mikrokosmos eindenkt, wird wahrscheinlich jeder von der Komplexität unserer Biofilme fasziniert sein. So verwundert es mich nicht, dass derartig organisierte Mikrooganismen bereits seit Jahrmillionen auf unserer Erde erfolgreich überbleiben. Gleichzeit bergen diese Erkenntnisse aber auch eine Herausforderung - wir müssen damit leben lernen!

Was erwartet die Teilnehmer und Teilnehmerinnen bei Ihrem Vortrag beim siebten Präventions-Forum?

Graetz: Ich möchte die Interaktionen des oralen Biofilms mit unserem Immunsystem am Beispiel von Gingivitis und Parodontitis aufzeigen. Trotz der vielen präventiven Bemühungen der vegangenen Jahre haben diese Erkrankungen immer noch eine hohe Prävalenz in Deutschland. Für mich stellt sich deshalb die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen zur Beeinflussung dieser biofilmassoziierten Entzündungserkrankungen. Etliche Interventionen sind altbekannt und etabliert, Beispielsweise kann eine "einfache" Optimierung der häuslichen Mundhygiene bei bereits bestehenden pathologischen Veränderungen zu einer Verbesserung führen. Jedoch ist es nicht immer so simpel. Teilweise bedingt die Multikausalität der oralen Erkrankungen auch eine komplexere Herangehensweise und macht weitere professionelle Interventionen erforderlich.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Entfernung der Biofilme?

Graetz: Wie bereits in meiner vorherigen Antwort angerissen, besteht die Schwierigkeit darin, eine wirkungsvolle Biofilmreduktion zu erreichen, ohne dabei erstens die Weich- und Hartgewebe zu schädigen und zweitens langfristig wieder Verhältnisse beziehungsweise Rahmenbedingungen zu etablieren, sodass keine erneute Dysbiose auftritt. Orale Biofilme gehören zu unserem menschlichen Dasein dazu. Aus meiner Sicht wird die Morphologie der Mundhöhle auch oftmals eine vollständige Entfernung aller Biofilme in jeder Nische wie interdenrtal, subgingival oder in einer Furkation nicht zulassen. Deshalb sollte sorgsam anhand der Ziele der Interventionen das richtige Instrument gewählt werden. Jedoch macht es uns die Vielfalt an Möglichkeiten nicht immer ganz einfach, die vermeintlich richtige Methode auszuwählen. Hier möchte ich spezifische Empfehlungen, gestützt auf interne und externe Evidenz, im Vortrag aufzeigen.

Welche Empfehlungen haben Sie für die Prävention und Therapie parodontaler Erkrankungen?

Graetz: Eigentlich könnte es doch so einfach sein - regelmäßig zu Hause eine effektive Mundhygiene betreiben, und Gingivitis beziehungsweise Parodontitis gehören der Vergangenheit an. Nur leider funktioniert das aufgrund der Multikausalität und Interaktionen der Erkrankungen nicht für alle Menschen gleich gut. Deshalb müssen wir zum einen unsere Bemühungen zum Verständnis parodontaler Erkrankungen bei unseren Patienten intensivieren. Hier helfen sicherlich Aufklärungskampagnen wie die aktuelle "Paro-Check" der Bundeszahnärztekammer. Dies kann eine Grundlage und ein Gesprächseinstieg sein, muss aber je nach Patientensituation noch weiter individualisiert werrden durch ein gezieltes Thematisieren individueller Faktoren, wie Ernährung, Nikotinkonsum oder eben auch häusliche Mundhygiene. Zum anderen sollten wir unsere professionellen Interventionenspezifisch auf die Patienten abstimmen. Hier erhoffe ich mir zukünftig , die Patientenpräferenzen besser berücksichtigen zu können, um sie langfrisitig ur Aufrechterhaltung von präventiven Maßnahmen wie zur Durchführung einer parodontalen Nachsorge gleichermaßen zu motivieren.