"In der Prävention ist entscheidend, dass man früh genug anfängt"

Im Mai ist das neue Curriculum Senioren-Zahnmedizin in der Haranni Academie an den Start gegangen. Im dzw-Interview erläutern Prof. Dr. Claudia Barthel-Zimmer und Prof. Dr. Stefan Zimmer, die als Referenten das zweite Modul "Prävention und endodontische Maßnahmen" betreuen, Hintergrund und Zielsetzung.

Frau Prof. Barthel-Zimmer, Herr Prof. Zimmer, Sie betreuen gemeinsam das zweite Modul des neuen Curriculums Senioren-Zahnmedizin der Haranni Academie. Was sind die Inhalte und wie haben Sie sie untereinander aufgeteilt?

Prof. Dr. Claudia Barthel-Zimmer: Wir beide sind auf die entgegengesetzten Enden der Zahnmedizin spezialisiert, obwohl wir seit langem ein Ehepaar sind, oder vielleicht auch gerade deshalb. Jedenfalls versucht mein Mann mit seinem Schwerpunkt Prävention Zähne gar nicht erst krank werden zu lassen, und ich bin als Endo-Spezialistin diejenige, die sozusagen den letzten Rettungsversuch unternimmt. Zusammen funktionierten wir aber ganz gut (lacht). Den größeren Teil unseres gemeinsamen Moduls bestreitet mein Mann, weil es gerade bei älteren Menschen mit ihrem steigenden Krankheitsrisiko präventiv eine ganze Menge zu beachten gibt.

Prof. Dr. Stefan Zimmer: Dazu gehören sowohl Maßnahmen der professionellen als auch der häuslichen Prävention sowie Fragen der Ernährung, die ja straken Einfluss auf das kariöse Geschehen, aber in Form von sauren Lebensmitteln auch auf nicht kariöse Defekte der Zahnhartsubstanz ausübt. Meine Frau zeigt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Curriculums, was sie anstellen müssen, um auch die verstecktesten Kanaleingänge zu finden und obliterierte Kanäle aufbereiten zu können oder wie man am schnellsten bei notwendigen Revisionen zum Ziel kommt. All das spielt ja in der Seniorenzahnmedizin eine besondere Rolle und zählt dort zu den größten Herausforderungen.

Wie klappt es mit der professionellen Prävention bei dieser auch sehr hetogenen Altersgruppe? Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Prof. Dr. Stefan Zimmer: Wie immer in der Prävention ist auch hier entscheidend, dass man früh genug anfängt. Es bringt nichts, erst beim hochgradig pflegebedürftigen Patienten mit der Prävention anzufangen, denn dann ist das sprichwörtliche Kind schon in den Brunnen gefallen. Man muss in der Zahnarztpraxis immer genau beobachten, wie sich das Krankeheitsrisiko verändert und entsprechend gegensteuern. Dabei spielen Dinge wie zunehmende Mundtrockenheit, steigendes Risiko einer Wurzelkaries, abnehmndes Kausvermögen und natürlich auch die im Alter schlechter werdende Fähigkeit zur häuslichen Mundhygiene eine Rolle. Wenn man alle diese Parameter im Blick hat, lässt sich mit den uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen, Produkten und Hilfsmitteln auch im fortgeschrittenen Alter ein hohes Maß an Mundgesundheit bewahren.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen im Bereich Senioren-Zahnmedizin?

Prof. Dr. Claudia Barthel-Zimmer: Für mich als Endodontologin sind es natürlich die altersbedingt zunehmenden lokalen anatomischen Besonderheiten wie fast komplett mineralisierte Kronenpulpen und sehr enge und schwer zu findende Kanaleingänge. Aber auch allgemeine körperliche altersbedingte Veränderungen machen uns in der Therapie oft das Leben schwer. Dazu gehören zum Beispiel die eingeschränkte Fähigkeit , den Mund lange offen zu halten sowie generell die Fähigkeit, lange Behandlungssitzungen, wie sie in der Endodontie oft erforderlich sind, durchzuhalten. Die Therapiefähigkeit nimmt mit dem Alter einfach ab. Deshalb muss ich schwierige uns besonders zeitraubende Behandlungen oft auf mehrere Sitzungen verteilen, als das sonst üblich ist.

Prof. Dr. Stefan Zimmer: Ich kann die Einschätzung meiner Frau nur teilen. Das Hauptroblem ist die Abnahme der sogenannten funktionellen Kapazität, zu der neben der Therapiefähigkeit noch die Mundhygienefähigkeit und die Eigenverantwortichkeit gehören. Gerade die beiden letztgenannten Potenziale sind für die Aufrechterhaltung der Prävention sehr wichtig, Wenn sie abnhemenm nehmen die Risiken für die Mundgesundheit zu. Wir sehen dann mehr Plaque sowie mehr Wurzel- und Sekundärkaries, beides oft sehr flächig ausgeprägt, was dann auch besonders schwierig zu therapieren ist. Und leider führt eine Abnahme der funktionellen Kapazität meist auch dazu, dass die Patientinnen udn Patienten seltener in der Praxis erscheinen, was die Beherrschung der größer werdenden Risiken zusätzlich erschwert.

Prävention und gute Ernährung sind eng verschwistert. Wie reagieren die Senioren auf Ernährungshinweise?

Prof. Dr. Stefan Zimmer: Das ist ein schwieriges Thema. Die Nahrungsaufnahme ist eine über lange Zeit entwickelte Verhaltensweise und fest etabliertes Verhalten ist schwer zu ändern. Hinzu kommt, dass sich bei alten Menschen die Geschmackswahrnehmung verändert und man höhere Dosen benötigt, um die gewünschte Geschmackssensation zu erreichen. Das gilt auch für Süßes. Außerdem nimmt das Kauvermögen ab. Das führt dazu, dass die Nahrung länger im Mund  verbleibt, und wir wissen ja, dass die Kontaktzeit von kariogenen Nahrungsmitteln mit den Zähnen entscheidend für das resultierende Kariesrisiko ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens eine Studie, die gezeigt hat, dass Patienten, die ein kaufunktionell stark kompromitiertes Gebiss hatten, nach einer umfassenden prothetischen Rekonstruktion nicht zu einer besseren Ernährungsweise mit kauaktiven Nahrungsmitteln zurückgefunden haben. Die Gewohnheit scheint also einen stärkeren Einfluss auf die Ernährung zu haben als die Kaufunktion. Summa sumarum ist meine Haltung die, dass ich nicht versuche, meine Patienten zu einer umfassenden Veränderung ihrer Ernährung zu bewegen. Ich setze auf die Big-Points, also Empfehlungen, mit denen ich bei kleinen Verhaltensänderungen große Effekte erzielen kann. Hier spielen vor allem Süßstoffe und Zuckerersatzstoffe eine Rolle.

Sie bestreiten diese Fortbildung gemeinsam. Kommt es häufig vor, dass Sie zusammen als Referenten-Team Fortbildungen anbieten?

Prof. Dr. Claudia Barthel-Zimmer: Früher haben wir mehrere Jahre lang gemeinsam mit einem dritten Kollegen einen Endodontie-Kurs angeboten. Ich glaube, das hat auch meinem Mann als Präventivzahnmediziner immer viel Spaß gemacht. Aber seit vielen Jahren gehen wir in der Fortbildung getrennte Wege. Aber nur dort (lacht). Ich freue mich jedenfalls auf die gemeinsame Veranstaltung und ich denke, das gilt auch für meinen Mann.

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