Evidenzbasierte Praxis durch KI und digitale Technologien endlich möglich?

Am 9. und 10. September 2022 steht beim mittlerweile 7. Präventions-Forum der Haranni Academie wieder alles im Zeichen der Prophylaxe, Mit von der Partie wird Prof. Falk Schwendicke (Berlin) sein. Im Interview erläutert er sein Vortragsthema und die damit einhergehenden Herausforderungen.

Ihr Vortrag widmet sich der evidenzbasierten Praxis. Was verstehen Sie darunter?

Prof. Dr. Falk Schwendicke: Unter evidenzbasierter Praxis verstehen wir das Anwenden von wissenschaftlichem Erfahrungswissen, das aus Studien generiert wird. Idealerweise sind das randomisiert-kontrollierte Studien, aber auch Expertenmeinungen und Expertenkonsens spielen dabei eine ganz wesentliche Rolle. Das ist dann die sogenannte externe Evidenz, die mit der internen Evidenz, also mit der Erfahrung, der Expertise des Zahnarztes und auch den Erwartungen des Patienten, gemacht wird.  Um nicht missverstanden zu werden: Das müssen nicht nur Doppelblindstudien sein. Das ist nicht damit gemeint! Stattdessen bringen wir das, was wir an bestverfügbarem Wissen zur Verfügung haben, mit unserem eigenen inneren Kompass zusammen und mit dem, was der Patient wünscht. Dieses bewusste und transparente Tun meint, dass wir nachher auch begründen können, warum wir was getan haben. Das ist das Entscheidende, worum es in der evidenzbasierten Praxis geht: dass nicht jeder irgendetwas aus dem Bauch heraus macht, sondern sich zumindest ein bisschen vorher überlegt: Warum mache ich das jetzt? Wie verorte ich das in meinem eigenen Koordinatensystem und mit dem, was der Patient will? Und schlussendlich: Passt das zu den Daten, die wir aus Studien zur Verfügung haben?

Inwieweit können digitale Technologien und KI diesen Prozess vorantreiben?

Schwendicke: Da gibt es eine ganze Menge Möglichkeiten. Man muss sich immer fragen, was der Treiber für diese Technologien ist. Was ist das besondere an künstlicher Intelligenz? Sicherlich, dass in großem Stil Daten verarbeitet werden. Für die Praxis heißt das, dass wir über unsere Patienten viel mehr verstehen und viel systematischer Therapien planen können. Wir werden durch neue digitale Technologien und KI in die Lage versetzt, die gesamte Patientenakte innerhalb von zwei Sekunden zu lesen und zu verstehen. Wir können Bilder analysieren, mit der Anamnese zusammenbringen und abgleichen, vielleicht noch den Medikationsplan einsehen und mit ein paar zielgerichteten Fragen als sogenannte Entscheidungsunterstützung die richtige Therapie besteuern.  Das ist allerdings schon eher Zukunftsmusik.Wir haben bislang viele einzelne Systeme, die ein bisschen hier oder da unterstützen, Bilder analysieren etc. Wir können elektronische Patientenakten mit Spracherkennungssystemen (natural language processing) entsprechend führen oder automatisiert auslesen. Das ist aber alles noch sehr isoliert und greift in der Praxis nur bedingt ineinander. Aber dahin geht die Reise. Ich mache einen Klick und sage: "Oh, da habe ich jetzt eine Karies im Röntgenbild am 16 distal. Was mache ich denn da?" Dann drück ich aufs "Knöpfchen", und dann sagt mir die Maschine: "Ausgehend von 700 über diesen Patienten bekannten Datenpunkten, die ich hier zusammengetragen habe, ist dies ein Hochrisikopatient. Für die Läsion hast du die und die Option, und für den Patienten würde ich dir das oder das empfehlen".

KI scheint in den Praxen noch in weiter Ferne. Wie lässt sich das niederschwellig ändern?

Schwendicke: Na ja, ist es in weiter Ferne? Das ist die Frage. Wenn Sie sich angucken, dass jedes CAD/CAM-Gerät heute mir KI arbeitet, ist sie doch schon da! Die an der Charité mitentwickelte KI-Software dental-Xrai Pro zur Röntgenbildanalysen läuft bereits in einigen Hundert Praxen in Deutschland. Es ist durchaus schon ein Grundstein gelegt, aber ich gebe Ihnen recht, dass da noch ein paar Hürden zu nehmen sind. Wesentlich ist, dass es in den Praxisworkflow passen, sich ganz ohne Weiteres in den Praxisalltagintegrieren muss, sonst nutzt niemand solche Systeme. Hinzu kommt, dass wir Patientinnen und Patienten und Zahnärztinnen und Zahnärzte darüber informieren müssen, was KI ist, wie sie einzusetzen ist und welchen Nutzen sie bringt. Wir müssen ihnen die Ängste nehmen, aber auch die Möglichkeit geben, das Ganze kritisch zu hinterfragen. Auch deshalb bin ich sehr froh, dass wir diese Veranstaltung machen.

Sie versprechen sich durch die Integration verschiedener Datenquellen über KI eine präzise und partizipatorische Zahnmedizin. Können Sie das näher erläutern?

Schwendicke: Ja, sehr gerne. Woran hapert es denn jetzt gerade, wenn wir uns angucken, wie wir Diagnostik und Therapie machen? Das machen wir eigentlich nach dem Gießkannenprinzip, bei jedem ungefähr das Gleiche. Wenn da eine Karies ist, kommt Fluoridlack zum Einsatz, oder ich mache eine Füllung. Für die Parodontitis mache ich auch immer die gleiche Behandlung und so weiter. Das heißt, es ist immer relativ standardisiert und versuchen ja teilweise bereits heute, aus dieser One-size-fits-all-Zahnmedizin in die sogenannte stratifizierte Zahnmedizin zu wechseln, also unsere Patienten in Risikogruppen einzuteilen, zum Beispiel: niedriges Kariesrisiko, putzt gut, isst nicht viel Süßes, nimmt Fluoridzahnpasta. Hohes Risiko, wenn er das alles nicht tut.  Hier ist aber tatsächlich die Frage zu stellen, wie gut das funktioniert. Selbstkritisch muss man hier leider sagen: Es funktioniert nur bedingt. Und genau da kommen Daten ins Spiel: Durch die Nutzung von Daten -  das können auch Daten des Patienten sein, Social-Media-Daten, Anamnese-Daten, vielleichtErnährungstagebücher, Bewegungstagebücher, und so weiter - können wir viel, viel mehr über unseren einzelnen Patienten verstehen, als wir es bisher tun. Und das wird uns dann erlauben, präziserund personalisierter mit dem Patienten zusammenzuarbeiten und ihn als Partner (partizipatorisch) mit in den Mundgesundheitsprozess einzubeziehen: Wir wollen mit dem Patienten zusammen seine Gesundheit managen! Und da wir viel früher Risiken identifizieren, wird die Zahnmedizin dann auch noch präventiver, als sie es bereits heute ist: Das ist die sogenannte P4-Medizin; präzise, personalisiert, partizioatorisch und präventiv!

Ihre Einschätzung: Auf einer Skala von eins bis zehn - wie sind heutige Praxen darauf eingestellt?

Schwendicke: Ich glaube, gar nicht so schlecht, wie wir denken. Instinktiv würde ich auf eine sechs tippen. Viele Praxen sind schon digital, haben digitales Röntgen und schrittweise jetzt auch eine digitale Anamnese. Und wenn dann moderne KI-Tools etcetera sich hoffentlich auch besser anfühlen als Telematikinfrastrutkur, also vielleicht mehr wie eine Apple-App, dann bin ich ganz sicher, dass viele Praxen hier zeitnah aufspringen werden. Sobald man den Nutzen in der Praxis sieht und erkennt, dass der Workflow geschmeidiger wird, die Patientenkommunikation sich verbessert, man weniger vergisst und das eigene Reporting optimiert wird, werden alle Tools auch Einzug in den Praxisalltag halten - davon bin ich mehr als überzeugt. 

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