Der Berg ruft!

Nach pandemiebedingten Aussetzern ist die Haranni Academie (Herne) im kommenden Jahr wieder mit ihrem KFO-Wintersymposium in Lech am Arlberg am Start. Im dzw-Interview gibt Key Note Speaker Prof. Dr. Philipp Meyer-Marcotty (Universität Göttingen) Einblick in seine Themen.

Herr Professor Meyer-Marcotty, Sie sind beim kommenden KFO-Wintersymposium der Haranni Academie als Key Note Speaker gleich mit zwei Vorträgen vertreten. Was erwartet die Teilnehmer und warum haben Sie gerade diese Themen gewählt?

Prof. Philipp Meyer-Marcotty: Ich habe mich sehr über die Einladung zu dem nun schon seit Jahren etablierten Symposium gefreut und bin gespannt auf den Januar 2023. Ich werde zu zwei Themen sprechen – einmal die Erwachsenentherapie und zum anderen über die interdisziplinäre Dysgnathietherapie. Beide Themen liegen mir sowohl klinisch als auch wissenschaftlich sehr am Herzen. In der Erwachsenentherapie ist gerade in den vergangenen Jahren ein signifikanter Zuwachs in unseren kieferorthopädischen Praxen zu verzeichnen. Dabei nimmt insbesondere der Anteil Erwachsener im Alter 40 plus beziehungsweise 50 plus, die sogenannten Best Ager, deutlich zu. Daher möchte ich gerade auf dieses Altersspektrum und „älter“ einen Schwerpunkt legen und aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse dazu präsentieren. Auch in der Dysgnathietherapie hat sich gerade in den vergangenen Jahren sehr viel Neues entwickelt – so unterstützt uns beispielsweise die Digitalisierung der Planungsphase in der schnellen und direkten Kommunikation innerhalb des Behandlerteams. Das Wissen über die kieferorthopädischen Möglichkeiten während des interdisziplinären Behandlungsregimes möchte ich versuchen darzustellen – denn schließlich kann bereits die Positionierung der Brackets zu Behandlungsbeginn Einfluss auf die operative Verlagerungsstrecke haben.

Die Erwachsenen-KFO hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Was sind die Besonderheiten? Worauf müssen die Praxisteams zusätzlich geschult werden?

Meyer-Marcotty: Die Zunahme der Erwachsenentherapie führt linear zu einer Zunahme interdisziplinärer Patientenfälle in unseren Praxen. Eine Besonderheit ist dabei ist, dass wir deutlich mehr Patienten mit ausgeprägten Zahnfehlstellungen aufgrund parodontaler Grunderkrankung behandeln. Insofern sind hier besonders Aspekte der Mundhygiene beziehungsweise die Früherkennung oder das Wiederaufflammen einer Parodontitis für das Praxisteam hervorzuheben. Ebenso müssen wir uns vergegenwärtigen, dass auch die „schicksten“ und „neuesten“ Apparaturen und „digitalsten“ Lösungen begrenzt werden durch die „einfache“ Biologie, nach der wir seit Jahrzehnten behandeln. Dies bedeutet, dass biomechanische Grundkenntnisse im Hinblick auf die gewebespezifische Mechanotransduktion dem gesamten Team bekannt sein sollten.

Bei welchen Fehllagen sind kieferchirurgische Korrekturen in Kombination mit einer kieferorthopädischen Therapie sinnvoll? Wo liegen die Vorteile solch einer Kombinationstherapie?

Meyer-Marcotty: Die Differenzierung zwischen OP-Fall und rein kieferorthopädischem Patientenfall gehört sicher mit einer zu den am schwierigsten zu lösenden Aufgaben in unserem Fachbereich – also die Frage „Wann soll ich, muss ich, kann ich meinen Patienten einem kombiniert kieferorthopädisch/ kieferchirurgischen Therapieregime unterziehen?“ Auch für diese Frage ist es notwendig, unseren Blick etwas weiter aufzuspannen und die Fragestellungen der angrenzenden Fachdisziplinen mit einzubeziehen – zum Beispiel die Frage der oberen Luftwege, die Kiefergelenksmorphologie und -funktion, die Kinnposition etcetera. Den klaren Vorteil einer Kombinationstherapie sehe ich darin, dass im Sinne eines kurativen Ansatzes die zugrundliegende Ursache der Erkrankung – die Kieferfehlstellung – korrigiert wird und zusammen mit einem präventiven Ansatz die Zahnfehlstellung für den Erhalt einer dauerhaften Mundgesundheit behoben wird.

Was ist für Sie besonders reizvoll an solcherart Symposien – mal abgesehen davon, dass sie endlich wieder stattfinden können? Ist der kollegiale Austausch bei solchen Veranstaltungen intensiver, weil die Teilnehmer sich mehr als bei herkömmlichen Fortbildungen aus ihrem Praxisalltag herausziehen?

Meyer-Marcotty: Das Besondere für mich ist der direkte Austausch mit Kolleginnen und Kollegen fern ab vom Praxisalltag. Im vergangenen Jahr durfte ich die Jahrestagung der DGKFO als Hybridveranstaltung (virtuell und in Präsenz) als Tagungspräsident ausrichten. Ich war dabei erstaunt und erfreut zugleich, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich sehr über die persönliche Teilnahme in Präsenz freuten (trotz der schwierigen Situation). Dies zeigt, denke ich, dass ein Großteil von uns sich nach wie vor den persönlichen Austausch wünscht. Gerade diese persönlichen intensiven Gespräche und Diskussionen und der Austausch von eigenen praktischen Erfahrungen sehe ich als unschlagbaren Vorteil eines Symposiums, wo wir alle etwas mehr Zeit und Ruhe haben. Insofern freue ich mich auf die Tage und bin gespannt auf die klinischen Erfahrungen in der Erwachsenentherapie aller Kolleginnen und Kollegen.

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