„Keine akademische Erbsenzählerei, sondern gut umsetzbare Empfehlungen für die Praxis“

Ab Oktober 2021 bietet die Haranni Academie (Herne) ein neues Curriculum zum Thema Senioren-Zahnmedizin an. Im dzw-Interview erläutern Prof. Dr. Elmar Reich, Wissenschaftlicher Leiter des Curriculums, und Academie-Leiterin Christiane Fork Hintergrund und Zielsetzung.

Was hat Sie bewogen, gemeinsam ein Curriculum zum Thema Senioren- Zahnmedizin zu planen und in der Haranni Academie anzubieten?

Prof. Dr. Elmar Reich: Ich erlebe seit 16 Jahren in meiner Praxis, wie dankbar ältere Patienten sind, wenn man ihnen ihre Kaufähigkeit und Ästhetik lange erhalten kann. Diese Patienten haben häufig schon erfahren, dass sie an diversen Krankheiten leiden oder gesundheitlich etwas abbauen. Umso dankbarer sind sie, wenn wir Zahnärzte uns um ihr Kauvermögen und ihr Lachen kümmern. Wir haben heute viele gute Methoden und Materialien, die wir hierfür einsetzen können.

Christiane Fork: Befragungen bei unseren Teilnehmern, die wir regelmäßig durchführen, haben ein eindeutiges Votum ergeben, dass dieses Thema dringend unser Angebot erweitern sollte. In einigen Prophylaxe-Veranstaltungen haben wir die Senioren-Zahnmedizin zwar immer wieder gestreift, konnten das Thema aber nie so in der Tiefe ausrollen, wie es in einem Curriculum möglich ist. Ich freue mich deshalb sehr, dass wir noch in diesem Sommer mit Prof. Reich als wissenschaftlichem Leiter des Curriculums an den Start gehen können.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit zustande gekommen?

Prof. Dr. Elmar Reich: Als nach meinem Vortrag über die „silver waver“ – wie die Senioren in Australien genannt werden – beim Präventions-Forum im September 2020 Christiane Fork auf mich zukam und mir diesen Vorschlag eines speziellen Curriculums machte, war ich deshalb sofort Feuer
und Flamme.

Christiane Fork: Das hat einfach wunderbar gepasst! Ganz schnell war uns klar, dass wir gerne weiter zusammenarbeiten wollen und so sind wir noch im Herbst direkt in medias res gegangen. Wir haben festgestellt, dass unsere Sicht auf das Thema nahezu deckungsgleich ist. Wir wollen kein rein „akademisches“ Programm anbieten, sondern in kompakten Modulen unsere Teilnehmer fit machen, damit sie die Senioren-Zahnmedizin in und mit ihrer Praxis optimal umsetzen können.

Wie ist das Curriculum aufgebaut und welche Referenten konnten Sie gewinnen?

Prof. Dr. Elmar Reich: Wir Referenten wollen klare Handlungsempfehlungen geben, um die zahnärztlichen Probleme und auch medizinische Wechselwirkungen gut in den Griff zu bekommen. Themen sind also sowohl die zahnärztliche Diagnostik, Therapie und lebenslange Betreuung in der Praxis als auch in Heimen sowie Kooperationen mit ärztlichen Kollegen bei interdisziplinären Problemen. Wir wollen aber keine akademische Erbsenzählerei veranstalten, sondern gut umsetzbare Empfehlungen für die Praxis geben. Ich freue mich, dass hierfür Kollegen von der Universität Witten-Herdecke, Prof. Dr. Stefan Zimmer und Prof. Dr. Claudia Barthel-Zimmer, sowie Dr. Elmar Ludwig aus der Praxis gerne bereit waren mitzumachen.

Was sind die großen Herausforderungen im Bereich Senioren-Zahnmedizin?

Prof. Dr. Elmar Reich: Wegen der Verschiebung der Alterspyramide ist der Anteil der Senioren der am stärksten wachsende Teil unserer Bevölkerung. Die Erwartungen der Senioren bezüglich oraler Gesundheit, Kaufunktion und Ästhetik an uns Zahnärzte sind berechtigterweise groß. Für diese Generation gab es in ihrer Jugend ja noch keine professionelle Prophylaxe und kaum fluoridhaltige Zahnpasten. Als ich vor 40 Jahren Zahnmedizin studiert habe, war es noch die Regel, dass man Patienten ab 60 auf die Prothese vorbereitet hat. Heute können wir viele Zähne ein Leben lang erhalten. Das verlangt von uns Zahnärzten aber Kenntnisse in allen Bereichen der Zahnheilkunde und darüber hinaus auch in allgemeinmedizinischen Bereichen. Um erfolgreich zu sein, brauchen wir ein gutes Team in unserer Praxis und die Kooperation mit ärztlichen Kollegen. Der hohe prothetische Versorgungsstatus dieser Patientengruppe setzt intelligente Versorgungskonzepte auf konservierendem, prothetischem, parodontologischem und implantologischem Gebiet voraus. Ein ganz wichtiger Punkt, der immer größere Bedeutung erlangt, ist auch die zahnärztliche Versorgung von pflegebedürftigen Patienten zu Hause und in Heimen. Hier brauchen wir bessere Konzepte, die wir unseren Teilnehmern vorstellen werden.

Welche Zielgruppe haben Sie mit dem Curriculum besonders im Blick?

Christiane Fork: Wir haben die Allrounder- Praxen im Blick, die immer mehr Senioren zu ihren Patienten zählen, sprechen mit unserem neuen Curriculum aber ebenso diejenigen Zahnärztinnen und Zahnärzte an, die einen neuen Schwerpunkt Senioren- Zahnmedizin in ihr Praxis-Portfolio implementieren möchten. Das Profil des zahnärztlichen Versorgungsbedarfs ändert sich im Alter zunehmend. Wir wollen deshalb unseren Teilnehmern alltagstaugliche Konzepte für eine seniorengerechte Praxis, aber auch für eine mobile Zahnheilkunde an die Hand geben, die präventive wie restaurative Therapien ebenso einschließt wie Kooperationen mit Pflegeeinrichtungen.

Die Zusammenhänge zwischen Allgemein- und Parodontalerkrankungen werden immer häufiger thematisiert. Ist das Wissen aber tatsächlich auch bei den Kollegen in den Praxen für die Therapie von älteren Menschen angekommen?

Prof. Dr. Elmar Reich: Ich glaube, dass die Bedeutung dieser Problematik den Kollegen bekannt ist. Allerdings brauchen wir geeignete Therapiekonzepte für die Praxis, weil die Leitlinien für die individuelle Therapieplanung oft nicht ausreichen. Hier werden wir im Curriculum Empfehlungen und Fallbespiele geben, welche die Therapieplanung in der Praxis erleichtern können.

Warum ist auch und besonders der Bereich Senioren-Zahnmedizin Teamaufgabe?

Prof. Dr. Elmar Reich: Es ist ganz klar, dass wir Zahnärzte in der Senioren-Zahnmedizin eine umfassendere Therapieplanung betreiben müssen als bei jüngeren Patienten. Die Therapie dieser Patientengruppe umfasst ja, wie vorher schon erwähnt, immer die Bereiche präventive, konservierende, parodontologische und meist auch prothetische Zahnheilkunde. Diese Bereiche sind nur dann abzudecken, wenn wir ein kompetentes Team mit Erfahrungen in der Prophylaxe und unterstützenden Parodontaltherapie haben. Dass Senioren aufgrund zunehmender körperlicher Einschränkungen mehr Umsicht und Unterstützung benötigen als Jüngere, versteht sich von selbst. Aber auch hier ist es ganz wesentlich, das Praxisteam auf allen Positionen gut vorzubereiten und mit einzubeziehen.

 

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