Astrid Böttger: Stress - na und?!

Frau Böttger, was sind die häufigsten Stressfaktoren - intern und extern -, mit denen Praxisteams zu kämpfen haben?

Astrid Böttger: Ganz oben auf der Hitliste der Stressfaktoren steht sicherlich, wie schon seit Menschengedanken, der Überlebenskampf. Daher rührt ja auch die Stressreaktion. Nur: Was früher die Fressfeinde waren, nennen wir heute Konkurrenz. Neue Praxen etablieren sich, neue Praxisformate entwickln sich. Das Angebot erweitert sich ständig - und dies wird als Druck erlebt, immer dranbleiben zu müssen, damit man am Markt bleibt. Generell kann man sagen: Wann immer wir das Gefühl haben, etwas tun zu müssen, erleben wir schnell ein Druckgefühl. Und das Wort Druck ist ein anderes Wort für Stress. Ein weiterer großer Stressfaktor ist das Thema Kommunikation. Läuft die Kommunikation nicht so gut, entstehen Missverständnisse, aus denen sich dann Konflikte entwickeln können. Das erleben wir jedoch nicht nur in der Praxis, sondern das passiert ständig und überall - auch im Privatleben. Das heißt natürlich, dass man manchmal schon ziemlich gereizt ist, bevor man überhaupt in der Praxis ankommt. Wir schleppen ganz schön viel mit uns herum, was eine Auswirkung auf unsere Arbeitsatmosphäre hat! Dazu kommt dann noch der Zeitdruck. Ein großes Thema neben weiteren. Und sicherlich ist der Zeitdruck im Praxisalltag ein Druck mit großer Wucht!

Geht die Gleichung auf: große Praxen = viel Stress, kleine Praxen = weniger Sttess?

Böttger: Ich würde sagen anderer Stress. Zum einen kommen Stressfaktoren in einer großen Praxis geballter vor (zum Beispiel mehr Menschen = mehr Sensibilitäten und Bedürfnisse), zum anderen sind auch mehr Ressourcen vorhanden, diesen zu managen (mehr Raum, mehr KollegInnen, anderes Praxismanagement). Eine wichtige Erkenntnis im Stressmanagement ist: Wenn wir uns durch irgendetwas gestresst fühlen, macht der Organismus in seiner Reaktion keinen Unterschied, wie der Stressfaktor heißt. Fühlen wir Stress, ist es in dem Moment gleich, ob wir uns in einer kleinen oder großen Praxis befinden. Hier ist es wichtig zu wissen, wie wir in dem Moment mit uns selbst umgehen, um wieder in einen besseren, kraftvolleren, gesunden Zustand zu kommen.

Lassen sich Stressbewältigungsstrategien auch im Team erlernen?

Böttger: Selbstverständlich! Zur Stressbewältigung gehört ja auch das Erkennen und Identifizieren der Stressfaktoren. Das geht natürlich wunderbar im Team! Denn nicht jeder ist von de, gestresst, was andere stresst. Dafür ein Gefühl zu bekommen und informiert zu sein, hilft im Umgang mit der Situation. Kommunikation, Offenheit und Achtsamkeit zu entwickeln - für die Patienten wie für die einzelenen Mitglieder des Teams -, dazu braucht es alle. Auch kann man gemeinsam erlernen, wie man immer wieder "runterkommen" kann. Dafür gibt es Übungen und Rituale, die bereits in Teams großer Firmen praktiziert werden.

Ihre beiden Vortragseinheiten tragen den leicht provokanten Titel "Stress - na und?!" Verraten Sie uns schon ein wenig darüber, wie Sie das Thema für die Teilnehmer des Präventions-Forums angehen werden?

Böttger: Wir erleben den Titel vielleicht deshalb als leicht provokant, da wir uns es gar nicht mehr richtig vorstellen können, dass es Tage ohne Stress gibt. Stress übermannt uns manchmal. Wir scheinen ihm ausgeliefert zu sein. Er ist so etwas wie unser Feind, der es verhindert, dass wir uns gut fühlen. Eins ist sicher richtig: Unser Alltag hat sich so stark verändert und fordert uns so sehr, dass wir häufig denken, wir können all die Aufgaben nicht mehr bewältigen. Es ist einfach viel zu viel. Und darauf antwortet der Körper mit diesen Körperreaktionen, die wir als Stress bezeichnen: Wir schwitzen, wir haben Herzklopfen, sind unleidlich bis aggressiv, unkonzentriert etc. Wir sagen dann:"Ich habe Stress" - meinen aber unsere Stressreaktion, also die Art, wie wir bislang damit umgegangen sind. Wenn wir aber erkennen, dass Stress etwas ist, dass sich im Außen abspielt (zum Beispiel ein unzufriedener, meckernder Patient), und dass wir erlernen können, anders darauf zu reagieren statt nach alten Mustern, dann können wir selbst bestimmen und sind dem, was außen passiert, nicht mehr so ausgeliefert. Dann können wir endlich denken "Stress - na und ?!"

Ihr Rat an Praxisteams: Welche "Boxenstopps" sollten sie sich von Zeit zu Zeit gönnen?

Böttger: Die Antwort darauf möchte ich Ihnen gern im Vortrag geben :-) Nicht nur, um Sie vielleicht etwas neugierig zu machen, sondern auch, weil ich Ihnen die Gelegenheit geben möchte, kleine Boxenstopp-Übungen gern vor Ort zu erleben! Es ist ein großer Unterschied, ob wir über Dinge lesen oder dies tun. Darum wird mein Vortrag auch viele praktische Anteile haben: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Ich freue mich schon auf viele interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer!